In den letzten Tagen waren wir mit dem Ausflugsboot bereits mehrere Male der La Recouvrance begegnet und hatten die Frage gestellt, ob es möglich ist, auf ihr mitzusegeln
Ja, es ist und wir haben für heute eine Tour gebucht.

Da wir nicht wissen, wie unsere Vesorgung zu Mittag aussehen wird, versorgen wir uns morgens mit Tee und besorgen uns auf dem Weg zur La Recouvrance belegte Baguettes. Wir sind um 9:30 Uhr am Kai und die Crew macht bereits den Topsegelschoner zum Auslaufen bereit. Für uns Gäste erfolgt um 10:00 Uhr eine Einweisung auf Französisch, Klaus muss irgendwie damit klar kommen, aber er ist ja nicht das erste Mal auf einem Schiff.

Der Ableger wird durch die Crew gemacht, uns wird die Seite des Decks zugewiesen, auf der wir am wenigsten im Wege sind. Vor dem Hafen setzt die Crew mit Freiwilligen die Segel. Wir sind natürlich mitten drin.

Bei den Kommandos lernen wir neue französische Worte:
- Tribord = Steuerbord
- Bâbord = Backbord
- Tiens bon = Halt fest
- Lachez = Lass los
Klaus lernt aber auch, dass es besser ist, gleich zu sagen, dass die Komandos in Englisch kommen sollen. So funktioniert es besser. Der Umgang mit einem Gaffelsegel ist uns ja sehr vertraut, aber die Größe des Segels ist schon etwas besonderes.

Die Dame, die übrigens noch nicht sehr alt ist, kommt 60 Grad an den Wind und bei etwa 3 Bft auf etwa 3-4 Knoten Fahrt. Bei der La Recouvrance handelt es sich um den Nachbau eines Topsegelschoners, der früher als Lotsenschoner und auch als kleines Militärschiff mit Deckskanonen genutzt wurde. Wir kommen mit dem Skipper ins Gespräch und er erklärt uns, dass sie vergleichsweise wendig ist und bis zu 10 Knoten Fahrt erreichen kann. Wir erzählen ihm von unserer Erfahrung mit dem Segeln und Gaffelriggs und dass Klaus vor einer Woche von Dublin kommend in Brest eingelaufen ist.


Nach der Wende mit Focks und Topsegel back, übergibt der Skipper Klaus für einige Zeit das Ruder. Es gilt 345 Grad am Kompass zu steuern. Für Klaus ist es neu, dass man ohne Ruderrückwirkung nur nach Anzeige von Kurs und Ruderlage steuert. Die Übertragung vom Steuerrad zum Ruder erfolgt hier über eine Hydraulik. Wie so vieles ist es aber alles Gewöhnungssache und der Skipper scheint zufrieden mit dem Steuermann zu sein.

Am Ende segelt er die La Recouvrance in den Hafen, in dem er sich kurz zuvor beim Hafenkapitän per Funk angemeldet hat. Im großen Hafenbecken bergen wir wieder mit Crew und freiwilligen Helfern die Segel. Diesmal reicht ein kurzes Wort und Klaus bekommt die Kommandos auf Englisch. Auch die Crew hat natürlich mitbekommen, dass wir nicht ganz unbedarft sind.

Unsere Lunchbaguettes genießen wir auf dem Kai mit Blick auf den Hafen und die La Recouvrance. Bevor wir weiter zu der geplanten Stadtführung im Stadtteil Recouvrance ziehen, gehen wir erst einmal in unser Appartement, da wir viel zuviel Sachen auf die Segeltour mit hatten. Von dort geht es dann zum Tour Tanguy, wo unsere Stadtführung beginnen soll.
Wir sind etwas zu früh da und haben so die Chance, noch einen Tee zu trinken. Als sich das Grüppchen versammelt hat, beginnt unsere Stadtführerin mit der Frage, wer von woher kommt. Wir sind die mit der weitesten Anreise, alle anderen kommen aus Frankreich, einige sogar aus Brest (zumindest als Zugezogene).
Die Stadtführung geht durch den Stadtteil Recouvrance nach dem auch das Schiff benannt ist, mit dem wir heute morgen unterwegs waren. Er gehörte ursprünglich nicht zur Stadt Brest. Es gab dort vorher ein Dorf mit einer Kapelle mit dem Namen St. Kathrin. Durch den Ausbau von Brest zum Marinestandort wuchs die Stadt kräftig und im Dorf siedelten sich zahlreiche zugezogene Arbeiter und Seeleute an. Diese kamen ursprünglich vom Land und sprachen Bretonisch. In der Stadt wohnten die meist auch von außerhalb stammenden Französisch sprechenden Offiziere. Das führte zu der Komplikation, dass sie sich mit ihren Mannschaften eigentlich gar nicht verständigen konnten.
Als sich die Stadt dann ausweitete und das Dorf mit zum Stadtgebiet hinzugenommen wurde, erhielt es den neuen Namen Recouvrance. Auch die Kapelle wurde umbenannt. Der Name soll auf die Frauen hinweisen, die in der Kapelle für die gesunde Rückkehr ihrer Männer beteten. Für die Brestois, die Bewohner der ursprünglichen Stadt Brest, schien diese Eingemeindung nicht recht willkommen zu sein, denn man versuchte sich abzugrenzen und betonte, dass man im eigentlichen Brest wohne – in „Brest même“. Nun brauchten natürlich „die anderen“ auch einen Namen. Da Yannick ein typisch bretonischer Vorname ist, wurden die Bewohner von Recouvrance auch die Yannicks genannt.

Der Ausbau von Brest zum Marinestandort betraf zu Beginn die gesamte Stadt, da diese ja auch immer zur militärischen Befestigung dazu gehört hatte. Dies führte dazu, dass der Hafen im Fluss Penfeld für Marine, Handel und Fischerei gemeinsam genutzt wurde. Auf Dauer war das kein haltbarer Zustand. Es gab also den Beschluss, den Fluss nur noch für die Marine zu nutzen, d.h. man baute neue Häfen für Handel und Fischerei auf der Rade de Brest. Die Marine bekam das gesamte Ufer auf beiden Seiten des Flusses und sicherte diesen durch eine Mauer. Wohnhäuser und andere Gebäude am Flussrand wurden geräumt und abgerissen. Der heute für sich allein stehende Tour Tanguy war damals gar nicht zu sehen gewesen, weil die Wohnbebauung direkt an den Turm angebaut war.
Als nächstes gehen wir ein kleines Stück weiter und stehen direkt neben der besagten Mauer. Dort befindet sich ein Brunnen (La Fontaine). Er stand ursprünglich 27 m weiter auf dem jetzigen Marinegelände. Er hatte Sitzbänke und man konnte dort Wasser holen. Heute ist nur noch der obere Teil zu sehen, weil das komplette Gelände angehoben wurde für die neue Hubbrücke über den Fluss.
Die alte Drehbrücke wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Gebaut wurde sie nach einem größeren Fährunglück mit zahlreichen Toten. Der Fährbetrieb über den Fluss wurde vorher von zahlreichen Booten erledigt, die sich in sehr schlechtem Zustand befanden, so dass es immer wieder zu Unfällen kam. Ein besonders schlimmer Unfall gab dann den Anstoß zum Bau der Drehbrücke. Für die Toten des Fährbetriebs gab es sogar einen eigenen Friedhof.

Der Beschluss für den Bau einer Hubbrücke als Ersatz für die Drehbrücke entstand aufgrund der Furcht vor einem 3. Weltkrieg. Die zerstörte Drehbrücke hatte die Schifffahrt auf dem Fluss komplett blockiert. Die Hubbrücke wurde so gebaut, dass sie nicht nur die üblichen zwei Zustände hat, sondern auch noch einen dritten Zustand, indem sie nach unten abgesenkt wird, um so die Schifffahrt auf dem Fluss zu ermöglichen. Dies wurde bislang nur einmal genutzt, um die neue Straßenbahnverbindung über den Fluss zu installieren.
Für den Wiederaufbau von Brest même wurde das Relief der Stadt erhalten und eine historisierende Bauweise gewählt. Die Stadt wurde aber insgesamt ebener gebaut, also mit weniger Steigungen. In Recouvrance hingegen hat man sich nicht darum bemüht, das Relief zu erhalten, sondern hat zerstörte Häuser durch moderne Bauten ersetzt. Abgesehen vom Bau der Brücke hat man keine Veränderungen am Gelände vorgenommen, so dass die Straßen in Recouvrance steiler sind und es mehr Treppen gibt.

Alte Häuser in Recouvrance erkennt man interessanterweise an den Ringen oben an der Fassade. Diese wurden zur Absicherung bei Fassaden- und Dacharbeiten angebaut, da es in Brest oft sehr windig ist. Die Seeleute kannten das so von den Schiffen. Uns kommt das vertraut vor. So etwas haben wir an unserem Haus auch angebaut. Weiter geht es dann zum Maison de la Fontaine mit einem nachträglich angebauten Brunnen mit Trinkwasserhahn, den einige gleich nutzen, um ihre Flaschen wieder zu befüllen. In diesem Haus lebte der erste Bürgermeister von Brest, der aus dem Stadtteil Recouvrance kam. Vorher waren alle Bürgermeister aus Brest même gekommen. Er erließ eine Verordnung, dass jeder dritte Bürgermeister aus Recouvrance kommen musste.

Ein paar Schritte weiter ist der Garten der Entdecker (Jardin des Explorateurs), den wir schon besucht hatten. Unsere Stadtführerin erzählt uns die Geschichte von Jeanne Barret, die als Mann verkleidet unter dem Namen Jean Baré als Assistent des Botanikers Philibert Commerson im 18. Jahrhundert an der Weltumseglung von Louis-Antoine de Bougainville teilnahm. Das Tragen von Männerkleidung war für Frauen damals verboten, aber aufgrund der Fürsprache Bougainvilles wurde sie nicht bestraft, sondern aufgrund ihrer Leistungen mit einer Pension und einem Ehrentitel belohnt.

Dann geht es wieder bergauf zur Kirche Eglise de Saint Saveur de Recouvrance, eine Nachfolgerin einer Kapelle. Seeleute sollten den Vorgängerbau errichten. Da sie von Maurerarbeiten keine Ahnung hatten, ging das schief und der Bau musste abgerissen werden. Der Baumeister wurde gefeuert. Sein Nachfolger kam vom Marinestandort und hatte bisher mehr mit industriellen Bauten zu tun. Das sieht man der Kirche auch an. Sie ist schlicht und mit einem südamerikanischen Glockenturm. Derzeit ist sie außer Betrieb, da sie sanierungsbedürftig ist und das Geld fehlt.

Dann geht es weiter vorbei an der der alten Stadtbefestigung (Rempart) zu drei großen Steinen mit Darstellungen eines Seemanns, eines Ehepaars und einem Kind als Erinnerung an die unter dem Pflaster versunkene Stadt, dem Quartier Pontaniou bis hin zum ehemaligen Gefängnis, das außerordentlich lang in Betrieb war. Nun sucht man nach einer neuen Nutzung. Das Gebäude ist wohl verkauft und es gibt erste Ideen.
Wir gehen weiter und schauen von oben hinunter in zwei Trockendocks des Marinestandorts. Am Kopfende befindet sich scheinbar als Teil einer Felswand ein historisches Gebäude mit goldenen Köpfen als Verzierung. Es ist die Kantine auch „Restaurant zum goldenen Löffel“ genannt. Oben drüber ist von hier aus wieder das Gefängnis zu sehen, wie eine Mahnung an die Belegschaft…
Von hier aus geht es wieder ein Stück zurück und auf der anderen Seite der Straße steil die Treppen hinab. Nun stehen wir auf der Rückseite der Kantine in der Rue St. Malo. Auch hier ist das Gelände nachträglich aufgeschüttet worden, so dass die Straße nun über die Kantine hinweg führt. Die dahinter liegende Straße sollte eigentlich abgerissen werden, aber eine junge Frau hatte eine erfolgreiche Kampagne gestartet, um die Straße zu retten. Nun gibt es hier Veranstaltungen und Ausstellungen von Künstlern. Wohnen tut hier niemand mehr. Angrenzend gibt es das ehemalige Gelände eines Heims für sogenannte „gefallene“ Mädchen. La Madeleine so hießen auch anderenorts solche Heime. Dieses ist von rebellierenden Frauen in Brand gesteckt worden. Vermisst hat es wohl niemand. Nur das Gelände erinnert noch daran.

Unsere Stadtführung endet ein kurzes Stück weiter an einem ehemaligen Waschplatz. Er ist nicht frei zugänglich, aber unsere Stadtführerin zückt einen großen Schlüssel und so können wir hier nachvollziehen, wie früher die Wäsche gewaschen wurde. Sie erzählt sehr anschaulich von den damaligen Zuständen – gelobt sei die Waschmaschine!!

Den Abend lassen wir dann nach der Führung im Les Ateliers des Capucins ausklingen. Dies sind ehemalige Werkstätten der Marine, die nun als große überdachte Freifläche der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Es gibt Restaurants, ein Kino, ein Museum, eine Kletterhalle, ein paar alte Maschinen und die Prunkbarkasse aus dem 19. Jahrhundert, in der Napoleon III herumgefahren wurde. Eine Familie macht ein Picknick, Kinder fahren mit Rollschuhen umher, in der oberen Etage üben ein paar junge Leute Breakdance, andere lernen gerade Salsa.
Mit der Seilbahn geht es im Anschluss zurück über den Fluss nach Brest même.






























































