Mit der Bahn nach Paris

1983 bin ich zum ersten Mal mit der Bahn nach Paris gefahren. Die Eltern meiner Brieffreundin in Moulins sur Alliers hatten mich eingeladen, in den Sommerferien drei Wochen bei ihnen zu verbringen. Da ich nicht wagte zu erwarten, dass sie meine Wäsche mit waschen würden, packte ich entsprechend viel Kleidung ein. Glücklicherweise konnte man damals noch sein Gepäck im Bahnhof aufgeben und am Bestimmungsort wieder in Empfang nehmen. Mit dem durchgehenden Nachtzug, einem D-Zug aus Warschau (oder war es Moskau?) ging es nach Paris Gare du Nord. Von dort fuhr ich mit dem Bus zum Gare de Lyon und ging erstmal Frückstücken. Von dort ging es mit dem TGV weiter nach Süden. Diese Verbindung nach Paris habe ich danach noch mehrere Male genutzt.

Trockene Bäume bei Frankfurt
Trockene Bäume bei Frankfurt

Heutzutage gibt es weder durchgehende Züge, geschweige denn Nachtzüge nach Paris. Stattdessen führt meine Route etwas weiter südlich mit dem ECE der Schweizer Bundesbahn Richtung Basel erst einmal bis Mannheim. Schön ist, dass man hier zu ebener Erde in den Zug einsteigen kann. Schön ist auch, dass mir die Bahn für einen kleinen zweistelligen Betrag ein Upgrade auf ein 1. Klasse Ticket angeboten hat, was ich dankend angenommen habe.

Neckarkanal bei Mannheim
Neckarkanal bei Mannheim

Nödlich von Kassel passieren wir einen kleinen Stausee mit recht niedrigem Wasserstand. Im Raum Frankfurt ist das Laub auf vielen Bäumen vertrocknet. Es sieht hier eher aus wie im Oktober. Unterwegs bleibt der Zug eine Weile stehen – ein Brandmelder hat ausgelöst – glücklicherweise nur ein Fehlalarm. Wir kommen also mit etwas 20 Minuten Verspätung in Mannheim an. Zur Ehrenrettung der Deutschen Bahn muss ichjetzt noch einmal betonen: Es war kein Fehler der Deutschen Bahn sondern ein Fehler an einem Zug der Schweizer Bundesbahn! Das gibt’s also auch 🙂

Der TGV fährt ein
Der TGV fährt ein

Glücklicherweise habe ich in Mannheim 45 Minuten Zeit für meinen Umstieg. Davon ist zwar nur etwa die Hälfte übrig, aber es reicht aus, um meine Teetasse wieder zu füllen bevor auf Gleis 1 der TGV (train à grande vitesse) nach Paris Gare de l’Est einfährt. Auch hier ist der Einstieg zu ebener Erde. Es ist ein zweistöckiger Zug und ich habe meinen Sitzplatz oben und muss meinen Koffer die enge Treppe hochschleppen. Das mit der Gepäckaufgabe damals war doch komfortabler. Schon bei der Buchung der Tickets war ich über den neuen Namen TGV inOui gestolpert. Wikipedia verrät mir, dass es nun zwei TGV Marken gibt: inOui soll die höherwertige sein. Daneben gibt es noch Ouigo als niederpreisige Marke. Höherwertig hin oder her: der Zug wirkt auf mich relativ schlank und so passt mein Koffer aufrecht nicht in die mittlere Gepäckablage, längs würde er anderen den Platz wegnehmen, quer ragt er in den Gang. Ich muss ihn also in die große Gepäckablage am Eingang verlagern, wo ich ihn natürlich nicht mehr so gut im Blick habe.

Agrarsteppe in Frankreich
Agrarsteppe in Frankreich

Die weitere Route geht über Kaiserslautern und Saarbrücken. Falls ich hier schon mal war, dann war das wahrscheinlich 2012 mit einem Nachtzug. Es geht durch die düstere Pfalz. Jedenfalls komt sie mir mit den engen Tälern und mit dem immerhin grünen Wald so vor. An der Grenze zu Frankreich laufen zwei Polizisten durch den Zug. Wahrscheinlich sind sie in Saarbrücken zugestiegen und steigen an einem kurzen Zwischenhalt wohl wieder aus. Die Landschaft wird dann weit mit vielen großen Feldern und einem weiten Himmel. Zwischendurch stehen weiße Busse auf den Feldwegen. Vermutlich sind die für Landarbeiter.

In den Gängen der Metro
In den Gängen der Metro

Kurz vor Paris kommt die Durchsage, dass man nun Metrokarten im Bordbistro kaufen könne. Niemand springt auf und eilt dorthin. Es sind wahrscheinlich alle versorgt. Mich erinnert es daran, dass ich mir auf dem Handy die Karte kaufen wollte. Ich hatte mir die App „SNCF Connect“ dafür installiert und hatte mir gestern Abend auch vorsichtshalber einen Benutzerkonto dafür eingerichtet. Die Metroverbindung zum Gare de Montparnasse zeigt mir die App auch an, aber für die Tickets leitet sie mich auf eine Webseite weiter. Die wiedrum kann mit meinem Benutzerkonto nichts anfangen und schlägt vor, mir die „Île de France mobilité“ App zu installieren. Da ich noch schön im WLAN bin, mache ich das und glaube, dass nun alles perfekt vorbereitet sei. Kaufen will ich das Ticket noch nicht, weil ich nicht weiß, ob das Ticket eine zeitliche Beschränkung hat.

Der Gare de l’Est ist hell und freundlich – so ganz anders als ich den Gare du Nord gleich nebenan in Erinnerung habe – irgendwo spielt leise Musik. Viele Menschen sitzen in Cafés. Ich folge der Ausschilderung zur Metro. Am Eingang bleibe ich stehen, um nun mein Ticket zu kaufen. Mir reicht ein einfaches Ticket. Mehr brauche ich heute nicht. Leider gibt das die App nicht her. Ich muss mich also in die Schlange an den Ticketautomaten einreihen. Ich erhalte eine wiederaufladbare Karte für 2 € und ein Ticket für 2,55€. Um die Metro betreten zu können muss ich das Ticket auf die Schranke halten. So erinnere ich das auch aus der Vergangenheit. In den weitläufigen Gängen der Metro muss ich meinen Koffer ein paar Treppen hinab schleppen. Warum gibt es hier keine Rolltreppen? Das fragen sich anscheinend auch ein paar deutsche Touristen hinter mir, die gerade diskutieren, wie hier wohl jemand mit Gehbehinderung oder Kinderwagen zurecht käme – Gute Frage! Am Ausstieg Montparnasse Bienvenue schleppe ich den Koffer die Treppen wieder hinauf. Für das letzte Stück gibt es zwar eine Rolltreppe, aber die ist defekt 🙁

Blick aus meinem Hotelzimmer
Blick aus meinem Hotelzimmer

Hier in Paris will ich nun in einem Hotel am Gare du Montparnasse die Nacht verbringen. Über Google Maps hatte ich mir Anfang Juli das Hotel ausgesucht. Es liegt sehr dicht am Bahnhof. Die Bewertungen waren ok und sie hatten ein günstiges Sonderangebot. Für eine Nacht habe ich keine besonderen Ansprüche an mein Zimmer. Gebucht hatte ich das Hotel dann über die Webseite des Hotels, das war am Günstigsten. Wenige Tage später erhielt ich um 23 Uhr eine WhatsApp Nachricht, mit meinem Namen und meinen Buchungsdaten und der Aufforderung innerhalb einer Stunde meine Bankdaten einzugeben, sonst würde meine Buchung storniert. „Ihr mich auch“ dachte ich. Schließlich triezt mich mein Arbeitgeber regelmäßig mit IT Sicherheitstrainings. Unbekannte Nummer, ungewöhnliche Uhrzeit, die Erzeugung von Zeitdruck und die Aufforderung vertrauliche Daten preiszugeben das erfüllt alle Kriterien eines Phishing Versuchs. Also habe ich die Nummer gesperrt und die Nachricht gelöscht. Beschäftigt hat mich das trotzdem. Als dann vor ein paar Tagen noch eine E-Mail kam mit einer freundlichen Begrüßung und der Aufforderung einen Link anzuklicken, damit sie mir meinen Aufenthalt gut vorbereiten können, habe ich mich mit der Sache noch einmal intensiver beschäftigt. Bei Mimikama auf der Webseite fand ich dann einen Hinweis, dass es zur Zeit einen umfassenden Scam gibt, der sich Hotelgäste in Paris als Ziel ausgesucht hat. Die KI lasse ich dann noch die Angaben zum Hotel bei Google Maps prüfen. Ist alles ok, sagt die KI. Vorsichtshalber schaute ich mich noch nach weiteren Hotels in der Nähe um. Danach war ich etwas beruhigter.

Zugang zum Bahnsteig am Gare de Montparnasse
Zugang zum Bahnsteig am Gare de Montparnasse

Aber nun ist die spannende Frage, ob wirklich alles ok ist. Es ist warm und ich habe wirklich keine Lust, mit dem Gepäck noch lange umher zu laufen. Das Hotel wirkt nett und freundlich. Offensichtlich ist vor nicht allzu langer Zeit mal renoviert worden. Meine Reservierung ist vorhanden, der Preis stimmt auch. Positiv gestimmt, buche ich nun auch das Frühstück hinzu und bezahle aber doch lieber in bar. Dann erzähle ich dem Hotelangestellten von der WhatsApp Nachricht. Er erzählt mir, dass Anfang Juli das Buchungssystem gehackt wurde, was von vielen Pariser Hotels genutzt wird – nun ja. Mein Zimmer liegt im 5. Stock und hat Klimaanlage. Glücklicherweise gibt es einen funktionierenden Aufzug. Das Zimmer ist klein, ordentlich und praktisch eingerichtet. Die Fenster lassen sich glücklicherweise weit öffnen. Da das Zimmer auf den Innenhof hinausgeht, ist es auch einigermaßen ruhig. Hier fühle ich mich wohl.

Der Name ist mein Programm
Der Name ist mein Programm

Nach einer Pause und einer Tasse Tee mache ich mich auf den Weg, um mir den Gare de Montparnasse anzusehen. Auch dieser ist freundlich und angenehm. Mich hatten jedoch zwei Dinge vorab irritiert. Die Deutsche Bahn hatte mir bei der Buchung des Tickets mitgeteilt, dass ich es als pdf ausdrucken oder herunterladen müsste. Beides habe ich gemacht. Bei der SNCF hieß es jedoch, ich müsste ein E-Ticket haben, was meinen die damit? Außerdem hieß es dort, dass die Türen zwei Minuten vor Abfahrt verschlossen werden. Nun will ich mir genauer anschauen, wie das hier läuft. Der Gare de Montparnasse ist wie alle Pariser Bahnhöfe ein Kopfbahnhof. Der Zugang zu den Bahnsteigen ist durch massive Stahltore abgesichert, Dort steht drauf, dass sie sich zwei Minuten vor Abfahrt verschließen. Ok, das wäre geklärt. Weitere Zugangsbeschränkungen kann ich erstmal nicht erkennen, also werde ich wohl mit meinem ausgedruckten Ticket einfach so einsteigen können. Danach erkunde ich noch ein wenig die Gegend und freue mich über die Abendsonne und dieses spezielle Pariser Licht.

Schönes Abendlicht in Paris
Schönes Abendlicht in Paris

Gegen meinen schon seit zwei Tagen zwickenden Bauch hilft dann ein großes belgisches Bier in der Hotelbar.

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